Studienzentrum für verfolgte Künste
Wie reagiert Kunst auf Gewalt, Ausgrenzung und gesellschaftliche Traumata? Wer entscheidet, welche Künstlerinnen und Künstler Eingang in die Kunstgeschichte finden – und welche in Vergessenheit geraten? Wie setzten sich Wissenschaft, Museen und künstlerische Avantgarden nach 1945 mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust auseinander?
Ab Januar 2027 erweitert das Zentrum für verfolgte Künste seine Arbeit um ein Studienzentrum in Solingen-Gräfrath. Hier begegnen sich wissenschaftliche Forschung, universitäre Lehre und künstlerische Praxis. Studierende und Forschende arbeiten mit Originalwerken, historischen Quellen und Sammlungen. In Seminaren, Ausstellungen und offenen Veranstaltungsformaten untersuchen sie die Geschichte verfolgter Kunst und hinterfragen überlieferte kunsthistorische Deutungen.
Ein besonderer Forschungsschwerpunkt liegt auf der Nachkriegsavantgarde. Ab dem Wintersemester 2027/28 stehen insbesondere die im Rheinland entstandene Fluxus-Bewegung und die amerikanische NO!art im Mittelpunkt. Beide entwickelten unterschiedliche, teils radikale Formen künstlerischen Widerspruchs gegen gesellschaftliche Konventionen, politische Verhältnisse und die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit. Ihre Werke eröffnen neue Perspektiven auf das Verhältnis von Kunst, Geschichte und gesellschaftlicher Verantwortung.
Kunst kann Geschichte nicht ungeschehen machen. Aber sie kann ihre Spuren sichtbar machen, Gewissheiten infrage stellen und neue Formen der Auseinandersetzung ermöglichen. Das Studienzentrum versteht sich deshalb auch als ein Ort, an dem die Zukunft der Erinnerungskultur und die Bedeutung künstlerischer Freiheit für eine demokratische Gesellschaft erforscht und diskutiert werden.
Museum und Universität
Das Studienzentrum verbindet die wissenschaftliche Arbeit an Universitäten und Kunstakademien mit den Sammlungen, Ausstellungen und Forschungsmöglichkeiten des Museums. Studierende, Meisterschülerinnen und Meisterschüler sowie Promovierende erhalten Zugang zu Originalwerken, Archivmaterialien und historischen Quellen. Aus wissenschaftlichen Fragestellungen entstehen Forschungsprojekte, Ausstellungen und künstlerische Arbeiten.
Die Zusammenarbeit ist interdisziplinär angelegt. Kunstgeschichte, Geschichtswissenschaft, Provenienzforschung, Literaturwissenschaft, Politik- und Medienwissenschaft sowie Museumspädagogik treten in einen Austausch mit der bildenden Kunst. Dabei werden auch etablierte Erzählungen der Kunstgeschichte kritisch überprüft und bislang wenig beachtete künstlerische Positionen neu erschlossen.
Das Studienzentrum baut auf einem über viele Jahre gewachsenen internationalen Netzwerk auf. Zu seinen Hochschul- und Forschungspartnern gehören die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, die Universität Osnabrück mit dem Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), die Universität zu Köln und die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Hinzu kommen Kooperationen mit Yad Vashem in Jerusalem, dem documenta archiv, dem Museo Vostell Malpartida sowie dem Bunker Sztuki und das Internationale Kulturzentrum (ICC) in Krakau.
Ziel ist eine dauerhafte Zusammenarbeit, in der wissenschaftliche Erkenntnisse nicht allein in Publikationen münden, sondern auch in Ausstellungen, künstlerischen Projekten und öffentlichen Diskussionen sichtbar werden.
Anrechnung von Studienleistungen
Die Lehrveranstaltungen des Studienzentrums sind in die Studienangebote der kooperierenden Universitäten und Hochschulen eingebunden. Studierende können im Rahmen der jeweiligen Studien- und Prüfungsordnungen ECTS-Leistungspunkte erwerben und anrechnen lassen. Maßgeblich sind die Regelungen der zuständigen Hochschule.
Programm 2027
Das erste Programmjahr zeigt, wie eng wissenschaftliche Forschung, akademische Lehre und öffentliche Ausstellungen im Studienzentrum miteinander verbunden sind. Den Auftakt bildet am 24. Januar 2027 die Ausstellung „Kichka. Life is a Cartoon“ mit Originalzeichnungen des israelischen Cartoonisten Michel Kichka. Die bis zum 9. Mai 2027 laufende Ausstellung wird von einem Workshop und einem Kolloquium sowie dem Studierendenpreis „Erinnerung weiterdenken“ begleitet.
Im Sommersemester 2027 widmen sich Forschungs- und Ausstellungsprojekte dem Künstler Georg Netzband und dem Künstler Jack Osterroth. Das Seminar zu Netzband an der Universität Osnabrück (5. April bis 10. Juli 2027) führt zu einer Ausstellung im Herbst. Ab dem Wintersemester 2027/28 untersucht ein Seminar der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf die Fluxus-Bewegung und ihre gesellschafts- und kunstkritischen Positionen.
Das Programm verbindet historische Forschung mit aktuellen Fragen an Kunst und Erinnerung. Es lädt Studierende ein, eigene Perspektiven zu entwickeln und wissenschaftliche Erkenntnisse öffentlich zur Diskussion zu stellen.
Studierendenpreis „Erinnerung weiterdenken“
Wie wollen wir künftig an den Holocaust und andere nationalsozialistische Verbrechen erinnern? Welche Geschichten wurden bislang zu wenig erzählt? Und welche neuen Formen des Erinnerns brauchen wir? Das Zentrum für verfolgte Künste lädt Studierende der am Studienzentrum beteiligten Hochschulen ein, eigene Antworten zu entwickeln. Ob wissenschaftlicher Text, Kunstwerk, Film, Fotografie, Podcast, Comic oder digitales Projekt: Entscheidend sind eine eigenständige Perspektive, eine überzeugende Idee und ein verantwortungsvoller Umgang mit der Geschichte. Eine unabhängige Jury vergibt drei Preise: einen Hauptpreis von 2.000 Euro und zwei weitere Preise von jeweils 500 Euro.
Ausschreibung: 9. November 2026
Workshop: 25. Januar 2027
Online-Kolloquium: Februar 2027
Einsendeschluss: 19. April 2027
Bekanntgabe der Auszeichnungen: 9. Mai 2027
Forschungsvolontariat Kunstmuseen NRW
Das Zentrum für verfolgte Künste beteiligt sich am Forschungsvolontariat Kunstmuseen NRW. Das Programm verbindet die wissenschaftliche Qualifizierung des Nachwuchses mit der Erforschung von Kunst und Künstler:innen, die durch das NS-Regime verfolgt, ausgegrenzt oder ins Exil gezwungen wurden. Das Forschungsvolontariat ist in das Studienzentrum eingebunden und eröffnet die Möglichkeit, wissenschaftliche Forschung unmittelbar mit musealer Praxis zu verbinden.
Forschung trifft künstlerische Praxis
Was geschieht, wenn historische Forschung auf zeitgenössische Kunst trifft? Wenn Künstlerinnen und Künstler mit historischen Quellen, Archivmaterialien und wissenschaftlichen Erkenntnissen arbeiten und daraus eigene Fragestellungen entwickeln. Das Studienzentrum bringt Studierende der bildenden Kunst mit Forschenden unterschiedlicher Disziplinen, Archiven und Museen zusammen. Historische Dokumente, Kunstwerke und wissenschaftliche Erkenntnisse werden zum Ausgangspunkt neuer künstlerischer Auseinandersetzungen. Performances, Installationen, Filme und experimentelle Ausstellungsformate eröffnen Perspektiven auf Geschichte, die über ihre wissenschaftliche Beschreibung hinausgehen. Sie können Leerstellen sichtbar machen, überlieferte Deutungen hinterfragen und die Wirkung historischer Erfahrungen bis in die Gegenwart untersuchen.
Kunst illustriert dabei nicht einfach historische Forschung. Sie entwickelt eigene Fragen, Ausdrucksformen und Erkenntnismöglichkeiten. Wissenschaftliche Analyse und künstlerische Praxis folgen unterschiedlichen Methoden, können sich aber gegenseitig herausfordern und neue Einsichten ermöglichen. Das Studienzentrum schafft Raum für diese Begegnung: für gemeinsame Forschungsprojekte, künstlerische Experimente und öffentliche Diskussionen über Geschichte, Erinnerung und gesellschaftliche Verantwortung. Digitale und KI-gestützte Anwendungen eröffnen zusätzliche Möglichkeiten, historische Quellen zu erschließen, Kunstwerke zu untersuchen und Forschungsergebnisse zugänglich zu machen.
Ein neuer Ort für Forschung und Begegnung
Das Studienzentrum eröffnet 24. Januar 2027 in der ehemaligen Geschäftsstelle der Stadt-Sparkasse Solingen an der Gerberstraße 30 in Solingen-Gräfrath. Das frühere Bankgebäude erhält damit eine neue öffentliche Aufgabe: Wo einst Bankgeschäfte abgewickelt wurden, entstehen Räume für Forschung, Kunst und gesellschaftlichen Austausch.
Die ehemalige Schalterhalle wird zum Ausstellungs- und Veranstaltungsraum. Frühere Beratungszimmer bieten Platz für Seminare, wissenschaftliche Arbeitsgruppen und eine Bibliothek. In den ehemaligen Tresorräumen werden Kunstwerke aus der Sammlung der Bürgerstiftung für verfolgte Künste aufbewahrt.
Studienzentrum für verfolgte Künste
Gerberstraße 30
42653 Solingen
info@verfolgte-kuenste.de
Das Studienzentrum ist dienstags bis freitags von 10 bis 15 Uhr auf Anfrage zugänglich. Bitte klingeln Sie am Eingang. Regelmäßige öffentliche Museums-Öffnungszeiten sind derzeit nicht vorgesehen. Über Veranstaltungen und zusätzliche Öffnungstermine informieren wir auf unserer Internetseite, in den sozialen Medien und über die Presse.
Ein Projekt des Zentrums für verfolgte Künste, unterstützt durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.









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